Die Rote Hilfe e.V. ist eine linke strömungsübergreifende Solidaritäts- und Schutzorganistion. Wir unterstützen Menschen, die auf Grund ihrer linken progressiven politischen Betätigung, Repression erfahren. Wir bieten euch politische und finanzielle Solidarität.
Unsere Beratungen
NEUKÖLLN
Stadtteilladen Lunte,
Weisestr. 53, 12049 Berlin
Jeden Mittwoch, 18:30-19:30 Uhr
WEDDING
Scherer8,
Schererstraße 8, 13347 Berlin
Jeden Dienstag, 19:00-20:00 Uhr
KREUZBERG
Buchladen Müßiggang,
Oranienstr. 14A, 10999 Berlin
Jeden Donnerstag einer ungeraden Kalenderwoche 19:00-20:00 Uhr
FLINTA-Beratung…
…können per Mail angefragt werden und finden in allen Orten statt.
Kontakt
Falls du nicht in unsere Beratung kommen kannst und/oder andere dringende Fragen hast, schreibe uns eine verschlüsselte Mail mit Hilfe des Kontaktformulars. Achtung! Der Betreff ist nicht verschlüsselt. Bitte lies dir vorher „Allgemeines und wiederkehrende Fragen“ durch.
Allgemeines und wiederkehrende Fragen
Wer kann zur Beratung kommen?
Jede:r kann zu unseren Beratungen kommen, ganz egal ob Mitglied oder nicht. Es gibt keine Voranmeldungen. Ein direkter Austausch vor Ort ist immer besser als lange E-Mails.
Bitte nutzt unsere Beratungen vor Ort. Wir können keine ausführliche Beratungen per E-Mail anbieten und tun dies auch nicht.
Kann ich euch Unterlagen zu meinem Verfahren schicken?
Bitte sendet uns keine Unterlagen per E-Mail zu, sondern kommt mit diesen zur Beratung. Diese sind für uns hilfreich um eine bessere Einschätzung geben zu können.
Ich habe eine Vorladung zur Polizei bekommen.
Vorladungen als Beschuldigte:r von der Polizei müssen nicht befolgt werden. Egal wie absurd der Vorwurf ist, gehe niemals hin und beantworte auch nicht die Fragebögen. Die Polizei ermittelt immer nur gegen dich.
Ich habe einen Strafbefehl bekommen.
Ein Strafbefehl wird innerhalb von 2 Wochen nach dem Erhalt rechtskräftig, außer du legst fristgerecht einen Einspruch ein. Spätestens jetzt musst du aktiv werden. Schreibe einen Einspruch, diesen kannst auch zur Not später zurückziehen. Hilfe und mehr dazu findest du hier
Generell gilt: Nehme Kontakt mit deiner Bezugsgruppe, deinen Genoss:innen und komme zu unseren Beratungen um weitere Schritte zu besprechen. Auch auf andere Briefe vom Gericht und Staatsanwaltschaft muss schnell reagiert werden.
Könnt ihr mir eine*n Rechtsanwält*in vermitteln?
In unseren Beratungen versuchen wir dir immer Einschätzung zu deinem Fall zu geben und können dir in der Regel Rechtsanwält:innen weiter empfehlen. Wir machen das nur in Ausnahmefällen per E-Mail und empfehlen für die allgemeine Suche, die folgende Suchmaschine: anwaltssuche.rav.de
Ich möchte einen Antrag auf Unterstützung stellen.
Anträge auf finanzielle Unterstützung nehmen wir in der Regel erst nach Abschluss des Verfahrens entgegen. Was ihr alles benötigt, findet ihr unter dem Punkt „Anträge auf Unterstützung“. Fall ihr weitere Fragen habt, kommt bitte in unsere Beratung.
Ich möchte meine Mitgliedsdaten ändern.
Bei Mitgliedsänderungen oder Fragen bezüglich der Rote Hilfe Zeitung, kontaktiert bitte direkt die Geschäftsstelle per Mail info@rote-hilfe.de , oder nutzt folgendes Formular.
FLINTA-Beratung
In der Regel ist mindestens eine Flinta* Person bei unseren Beratungen vor Ort. Wenn du in deinem Anliegen allerdings ausschließlich von Flinta* Personen beraten werden möchtest, dann kontaktiere uns bitte vorher per Mail oder über unser Kontaktformular. Es kann einige Tage dauern, bis wir antworten.
In deiner Rede zum Prozessende hast du klare und standfeste Worte mit dem Gericht geteilt, über die Notwendigkeit von Antifaschismus als Selbstverteidigung demokratischer Gesellschaften gegen das Totalitäre, das Autoritäre, gegen Vernichtung und Verachtung sowie den Versuch, dich und alle, die eine gerechtere Welt schaffen wollen, mit allen Mitteln zu delegitimieren, abzuschrecken und zu bekämpfen.
Du hast über den Wunsch gesprochen um deine Freiheit und die Freiheit aller zu kämpfen. Den Wunsch nach Gerechtigkeit und gemeinsam etwas Gerechteres schaffen zu können als Gefängnisse, Lager und Abschiebezentren, etwas friedvolleres zu schaffen als Handschellen, Waffen und Panzerdivisionen.
Wir haben das harte Urteil das folgte erwartet, trotzdem trifft es uns wie ein Schlag:
Du wurdest in diesem politischen Schauprozess zu 8 Jahren verurteilt.
Als deine Genossen*innen der Roten Hilfe Berlin stehen wir heute hier in unerschütterlicher Solidarität. Unsere Gedanken sind bei dir, deiner Familie, deinen Freund*innen und wir rufen weiterhin: Free Maja!
Maja! Wenn wir deinen Namen rufen tun wir das mit Trauer, Angst, Wut und Hoffnung in den Stimmen.
Trauer, weil du schon seit dem 11. Dezember 2023 aus unseren Reihen gerissen und inhaftiert wurdest. Weil du in der Nacht zum 28. Juni entführt und nach Ungarn ausgeliefert wurdest, isoliert wirst, selbst den grundlegenendsten Menschenrechten beraubt und Folter, Schikane und Diskriminierung ausgesetzt bist, und dies nun weitere 8 Jahre bleiben sollst.
Angst, weil der unbedingte Verfolgungswille des Staates dich mit voller Härte trifft. Die Drohkulisse von 12 – 24 Jahre, nun das Urteil von 8 Jahren, deine Haftbedingungen, die Unverhältnismäßigkeit, die Willkür, die Heuchelei mit demokratischem, rechtsstaatlichem Anstrich: Die Angst ist gewollt.
Und, ganz ehrlich, es macht uns Angst, um dich, um uns. An dir wird ein Exempel statuiert, was die staatliche Antwort auf all diejenigen ist, die für ein besseres Morgen kämpfen. Getroffen hat es dich, gemeint sind wir alle.
Unsere Stimmen sind voll Wut! Ob Kriege, der faschistische Vormarsch, die kapitalistische Zerstörung unserer Umwelt sowie mühsam erkämpfte Wegweiser für eine befreite Welt. Während die Welt brennt sitzt du vor Gericht und im Knast.
Doch Maja, trotz alledem rufen wir deinen Namen in tiefster Verbundenheit und Solidarität. You are not alone! Hanna, Zaid, Ilaria, Gabriele, Tobi, Anna, Gino, Paul, Paula, Johann, Luca, Nele, Moritz, alle Verfolgen und Untergetauchen – ihr seid nicht allein. Sie können euch in den Knast werfen, euch vor Gerichte stellen, sie können unsere Häuser durchsuchen, uns überwachen, unsere Konten sperren, uns auf irrsinnige Terrorlisten schreiben. Sie können versuchen uns dadurch einzuschüchtern, sie können versuchen uns zu spalten, unseren Kampf zu brechen – Aber, das werden sie nicht schaffen. Ihr schweißt uns dadurch fester zusammen und macht unseren Kampf nur noch entschlossener.
Wir rufen deinen Namen voller Hoffnung. Wir leben in beschissenen Zeiten. So schwer es momentan oft ist hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken gibst gerade du sie, obwohl du am hoffnungslosesten Ort gefangen bist. Mit deinen Worten und deinem ungebrochenen politischen Willen gibst du den meisten Anlass dazu. Deshalb verlese ich hier einige deiner Worte zur Anklageschrift vor fast genau einem Jahr an dieser Stelle auch noch einmal:
„Ich bleibe da, ich bleibe an eurer Seite. Lasst es uns immer wieder wagen nicht zu verstummen, auch wenn die Monate und Jahre manchmal drohen alle Hoffnung und das Vertrauen auf die eigenen Kräfte zu zersetzen. Verzagen können wir nicht, es wäre fatal. Zu vieles steht auf dem Spiel, so vieles ist bereits wieder ins Rutschen geraten, was einst erkämpft und erlernt wurde. Wenn mein kurzes Wort euch ermutigt hat, vielleicht mit einem vertrauten Lächeln, einem bestärkenden, sorgsamen Blick den ihr jemandem schenkt, dann bleibt mir nur euch Danke zu sagen.“
Maja, unsere Solidarität ist dir gewiss, egal wie es jetzt weitergeht und was noch kommt. So wie es ist wird es nicht bleiben.
Wir sind an deiner Seite – als Rote Hilfe in unserem praktischen Selbstverständnis, unserem übergreifenden, verbindenen, genossenschaftlichen Zusammenschluss und unserem politischen Auftrag im gemeinsamen Kampf!
Wir fordern:
Bring Maja back! und Free Maja!
Wir sind an der Seite aller von Repression betroffenen Antifaschisten*innen. Deshalb kommt mit uns am 18. März, am Tag der politischen Gefangengen, zum Prozesstag nach Dresden. Lasst uns Solidarität praktisch werden lassen und unsere Genossen*innen vor Ort Kraft und Hoffnung geben. Safe the Date! Weitere Infos zur gemeinsamen Busanreise könnt ihr in Kürze auf der Seite der Roten Hilfe Berlin nachlesen.
Wir veröffentlichen hier die Rede von Maja, gehalten im Budapester Gericht am 4. Februar 2026
Liebe Mitmenschen, sehr geehrtes Gericht,
auch ich möchte noch ein paar Worte teilen, bevor dieser Strafprozess sein vorläufiges Ende findet.Nuretwas grundsätzliches vorweg: Weder stellte ich je das Prinzip und die Rechtmäßigkeit eines Strafprozesses infrage, noch tat ich dies bei einem Staat, der ein Rechtsstaat aller ist. Nein, ich warnte schlicht davor, welche Ungerechtigkeiten und Gefahren dieser Prozess hier in Ungarn birgt. In Deutschland hätte ich nicht anders gehandelt. Eine Demokratie muss solchen Widerspruch gegen das Autoritäre und gegen die Unterdrückung zulassen. Jedes Urteil, das hier gesprochen wird, wird sich auch daran messen lassen müssen, ob und wie mein Sprechen und Auftreten bestraft wird. In den letzten Monaten hat sich jedoch der Eindruck verfestigt, dass der ungarische Staat eben jene Widersprüche nicht zulässt. Demonstrationen und Kundgebungen werden verboten und die solidarische Begleitung dieses Prozesses wird erschwert. Es wird eine Drohkulisse aufgebaut, die Leuten Angst davor machen soll, hier als Terrorist:innen behandelt zu werden. Sind Protest und Solidarität, sei es von unseren eigenen Eltern oder von unbekannten Menschen, wirklich das, was unsere Gesellschaft gefährdet? Haben Sie Angst vor mir, Angst vor meinem Papa, wenn er zum Mikrofon greift, oder einer Freundin, die eine Parole ruft?!
25 Monate Untersuchungshaft liegen hinter mir. Nach den ersten sechs Monaten Haft in Deutschland wurde ich rechtswidrig hierher ausgeliefert. Ich erbat das Bundesverfassungsgericht, diese Auslieferung zu verhindern, und dieses höchste Gericht Deutschlands entschied tatsächlich in einer Eilverfügung sowie in einer späteren endgültigen Entscheidung, dass der Auslieferungsbescheid rechtswidrig, verfassungswidrig war, da queere Menschen vom ungarischen Staat ausgegrenzt werden. Ja, wir wurden aus der Verfassung getilgt, unser Wort und unser Sprechen wird kriminalisiert, unser Sein soll unsichtbar werden. Auch ich, den binären Geschlechterzwängen entkommen, fand zu mir selbst als Maja. Doch die Eilverfügung des Bundesverfassungsgerichts kam zu spät. Das sächsische LKA entführte mich in einer nächtlichen Blitzaktion, flog mich aus Deutschland aus und verfrachtete mich Hals über Kopf in die Isolationshaft.
Langzeit-Einzelhaft mit weniger als 2 Stunden sinnvollemmenschlichen Kontakt am Tag oder Isolationshaft gilt als weiße Folter. Seit 18 Monaten halte ich sie aus. Die Begründung dafür ist grotesk.Zuerst hieß es, alle anderen sollten vor mir geschützt werden, da ich brutal und gefährlich sei.Nach einem Jahr plötzlich gab man vor, mich vor dem Hass der anderen auf queere Menschen schützen zu wollen. Die Isolation geht einher mit täglichen erniedrigenden Zwangsmaßnahmen und einer gesonderten Sicherheitsverfügung, deren Begründung bis heute Verschlusssache ist. Langzeit-Einzelhaft, Schlafentzug, Erniedrigung, Gewalt – all das sind Praktiken, um Geständnisse zu erzwingen. Sie sollen zermürben und Seelen zerstören, den Menschen seiner Würde berauben, ihn Hoffnung und Selbstachtung verlieren lassen. Stellen Sie einmal ihre geliebte Zimmerpflanze in den Keller, dann begreifen Sie, was mit uns Gefangenen geschehen soll.
Ich kenne diesen Gerichtssaal hier nun seit einem Jahr. 16 Verhandlungstage saß ich gefesselt auf der Holzbank hinter mir und lauschte aufmerksam, wie in diesem Prozess über mein Leben verhandelt wird. Zu den Vorwürfen schwieg ich. Wenig mehr als zwei Wochen Verhandlungstage waren dies. Aber wenn ich in den Spiegel blicke, dann müssen es Jahre gewesen sein. Beim ersten Versuch, ein „letztes Wort“ für dieses Verfahren zu finden, beschrieb ich mein heutiges „Ich“ als eine „verwelkende Blume“. Denn auch ein Mensch braucht das Sonnenlicht, aber vor allem Nähe, Geborgenheit und Gemeinschaft zum Überleben. All das aber wird uns, den Eingekerkerten der Gesellschaft, vorenthalten.
Sehr geehrte Staatsanwaltschaft, in meinem Fall hat es nicht geklappt. Ja, auch wenn ich heute zittere, von Unruhe und Albträumenheimgesucht werde, wenn ich nach tagelanger Einsamkeit von allen Emotionen verlassen werde, auch wenn es mir die Kehle zuschnürt, zu sehen, wie viele andere Menschen unter diesen politischen Verfahren zu leiden haben – so ist mir doch ein freundliches Lächeln geblieben, genauso wie eine Moral, eine universelle Moral. Und stockt mir der Atem in der Zelle, dann blicke ich hoch zu dem Streifen Himmel, an dem ich im Herbst die Wildgänse sah, und halte fest an dem Glauben, dass die Solidarität der Gewalt widersteht.
Nach anderthalb Jahren Haft klagte ich mit meinem Hungerstreik all die Menschenrechtsverletzungen an, die wir Eingekerkerten erfahren. Ich ließ mein Leben am Abgrund balancieren, um jene, die die Verantwortung tragen, zum Handeln zu bewegen. Sicher war er auch Ausdruck von Verzweiflung. Sicher war die Zeit des Hungerns auch eine stille und wortlose Zeit. Vor allem aber war mein Hungerstreik ein Ausdruck von Hoffnung, einer zarten Hoffnung, so zart, wie die kleine Blume, die ich mir in die Mauerritzen zwischen Fenster und Gitter pflanzte. Mein Hungerstreik war Ausdruck meines Wunsches, zu leben und zu gestalten. Er war ein Schrei nach Liebe, der tausendfach Widerhall fand, und er war eine Anklage gegen jene, die mir im Knast Beziehungen, Bildung und Arbeit verwehren.
Die kleine Blume blüht nicht mehr. Monate des Bangens und Wartens, ja ganze Jahreszeiten, sind verstrichen. Menschen, die ich liebe, starben. Die Trauer wartet, während ich gegen die Einsamkeit ankämpfe und hoffe, nach Hause zurückzukehren. Und ich werde zurückkommen, als handelndes Subjekt. Sie werden mich nie zu einem verwaltbaren Objekt degradieren können. Denn jeden Tag erfahre ich die wärmende Solidarität vieler Menschen und finde unter ihnen Vorbilder, die mir Mut geben. Sie zeigen mir, wir haben sie, die eigene Wahl, so schmerzhaft sie auch sei. Und sie zeigen mir auch, dass ein gerechteres, friedvolleres Zusammensein möglich ist. Nein, ich bin nicht naiv. Ich sehe die Kraft dazu im Schimmern und Glänzen eurer Augen. Ich bin so dankbar für all eure Arme, die sich fest um mich schließen, wenn es finster und kalt wird.
Ja, ich verlange und ersehne Freiheit. Ich gestehe es mir zu, für meine Freiheit und die Freiheit aller zu kämpfen. Dafür brauche ich nicht die Macht, Leben ein- und auszusperren. Dafür muss ich nicht endgültig über andere Menschen urteilen. Das soll gerne die Staatsanwaltschaft tun. Freiheit ist für mich etwas anderes. Sie blüht in dem Glauben, dass wir gemeinsam Gerechteres schaffen können als Gefängnisse, Lager und Abschiebezentren, dass wir Friedvolleres schaffen können als Handschellen, Waffen und Panzerdivisionen. Für mich bedeutet dies, zu suchen, was bleiben kann für jene, die nach uns kommen, zu bewahren, was an Freiheiten bereits errungen wurde, und aus jedem Zweifel ein neues Wagnis entstehen zu lassen. Und ich spreche aus Hoffnung, da es so viele Menschen gibt, die der Verachtung nicht gehorchen, die weder Recht noch Pflicht dazu verspüren.
Dieser Prozess, so wie die in München, Düsseldorf und Dresden, ist ein politischer Prozess. Hier behauptet der Staat, dass erbedrohtwerde, dass er das Opfer von Gewalt sei. Wir wissen alle, welches Urteil sich der Ministerpräsident dieses Landes wünscht. Die Staatsanwaltschaft bot mir 14 Jahre Haft gegen ein Geständnis an und es drohen mir bis zu 24 Jahre Haft. Dieses Strafmaß soll ihre Erzählung der mörderischen Antifa, die auf Menschenjagd gehe, untermauern. Und ich weiß von den Sorgen, dass dieses Strafmaß dazu missbraucht werden soll, mich zur Abschreckung aller ein halbes (oder ganzes?)Leben aus der Gesellschaft zu verbannen. Dem zum Trotz veranlasste mich die Anklageschrift dazu,eine Prozesserklärung zu schreiben und darzulegen, wie der Antifaschismus die Grundlage meines Handelns und die Voraussetzung für meinen universellen Gerechtigkeitsanspruch sein will. Antifaschismus ist die notwendige Selbstverteidigung demokratischer Gesellschaften gegen das Totalitäre, das Autoritäre, gegen Vernichtung und Verachtung. Nicht nur in der Anklage, immer wiederwurde jedochauch über den Prozess hinausdie emanzipatorische, antifaschistische Lehre, wie sie uns nach Krieg, Faschismus und Kolonialismus blieb, als Terror dargestellt. In mir sehnt sich nichts nach Gewalt. Da ist kein Wunsch, zu verletzen oder zu töten, ja mein Verstand sträubt sich dagegen. Ich will weder Tyrann*in noch Held*in sein. Im ersten Entwurf meines letzten Wortes schrieb ich, ich möchte ein Blumenkind bleiben, die menschlichen Gärten mit Zärtlichkeit durchstreifen, stets achtsam, neugierig und zugeneigt. Ich weiß, ich war und bin es, gebe mir jeden Tag das Versprechen, dies auch zu bleiben, vergesse nie den Wunsch, dies zusammen zu tun.
Ich denke jedoch, damit alleine begreife ich die politische Dimension dieser Prozesse nicht. Sie gehen weit über meine persönliche Erfahrung hinaus. Ich muss mich fragen, was es bedeutet, wenn friedliche Demonstrationen verboten werden, aber nicht die Demonstrationen der Faschisten, die uns mit Fäkalien bewerfen, wenn zensiert und diffamiert wird, wenn der Grundgedanke demokratischer Wehrhaftigkeit auf der Terrorliste landet, wenn wir alle damit zu Staatsfeind*innen erklärt werden,wenn Banken Solidaritätsorganisationen die Kontenaufkündigen, wenn juristischer Beistand kriminalisiert wird, wenn die Menschenwürde nur einigen zusteht, wenn die Zivilgesellschaft von Staatsrepräsentant*innen zum Feindbild erklärt wird. Wir wissen nicht, wo das endet. Wir können nur versprechen, nie aufzuhören, das Leben zu schützen und zu verteidigen.
In meinem ersten Entwurf wollte ich über drei getrocknete Blumen schreiben, als Symbole der Liebe, der Freundschaft und der Vielfalt. Es sind drei kleine, zarte Blumen, die ich gepresst in einer grünen Karte erhielt und die ich in den letzten 25 Monaten immer wieder in den Händen hielt. Ich bin entschlossen, mir all dies zu bewahren und so viel, wie mir vermag, zurückzugeben. Dank euch begreife ich, es lohnt zu bleiben, es lohnt zu hoffen, und ich fühle dort Sicherheit, wo ich an eurer Seite stehe, dort wo es notwendig wird, dort wo kein Zögern bleibt. Und ich weiß, dort ist ein Ort, prachtvoll und lebhaft wie eine wilde Blumenwiese, da ist ein Ort jenseits der Verliese und weit weg von all der Gewalt,an dem du und ich Mensch sein dürfen unter Menschen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit und danke, dass in diesen zwei Jahren, an diesen 16 Tagen, stets so viele von euch an meiner Seite waren, egal ob nah oder fern. Ich habe euch lieb, una promessa rimane ancora, ci farrenó vivi!
Seit Anfang Januar greifen syrische Regierungstruppen, das heißt: islamistische Milizen der HTS zusammen mit türkisch gestützten Proxy-Kräften der ehemaligen SNA, Rojava, die Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien an. Ihr Ziel ist die Zerstörung des demokratischen und auf Frauenbefreiung basierenden politischen Projekts. Seit Wochen finden Massaker an der kurdischen Bevölkerung, an ethnischen und religiösen Minderheiten sowie an Frauen statt. Die Stadt Kobanê ist von allen Seiten umzingelt, seit Tagen ist der Zugang zu Wasser, Elektrizität und Internet gesperrt. Kobanê, die Stadt, die vor genau 11 Jahren zum Herzen des Widerstands wurde, als YPG und YPJ den IS zurückdrängten.
Unterstützt werden die dschihadistischen Millizen dabei von den USA und weiteren westlichen Mächte. Allen voran durch Deutschland und die Europäische Union, die mit hunderten Millionen die Banden der HTS unterstützen und hinter der verbrecherischen Politik ihres NATO-Partners Türkei stehen. Dass hinter den „Jin!Jiyan!Azadî!“-Floskeln von deutschen Politiker*innen nichts als Heuchelei steckt, überrascht uns nicht. Der Westen unterstützt die Forderung „Frau!Leben!Freiheit!“ nur so lange, wie es den eigenen geopolitischen Interessen nutzt.
Als Solidaritätsorganisation sind wir vertraut mit dem Ausmaß an Repression und Einschüchterung, das auch hierzulande eingesetzt wird, um den kurdischen Befreiungskampf zu schwächen: Wie in der strategischen Verfolgung der kurdischen Genoss*innen aus der mittlerweile aufgelösten PKK. Prozesse gegen kurdische politische Aktivist*innen laufen vor den deutschen Gerichten alle nach demselben Muster. Den Angeklagten werden kaum individuelle Straftaten zur Last gelegt, sondern zum Vorwurf wird ihr politisches Engagement, etwa Teilnahme an Demonstrationen und die Mobilisierung dafür. So wurden auch bei den aktuellen Demos gegen den Besuch des syrischen „Übergangspräsidenten“ al-Scharaa (Jolani) in Berlin von der deutschen Polizei jegliche Parolen mit PKK-Bezug verboten. Auch noch nach dem Aufruf für Frieden und Demokratie von Abdullah Öcalan und der Auflösung und angekündigten Entwaffnung der PKK setzt die deutsche Justiz ihre Repression gegen kurdische politische Aktivist*innen fort. Die Rote Hilfe, insbesondere aber der Rechtshilfefonds Azadî unterstützt die in Deutschland Inhaftierten und Verfolgten seit Jahrzehnten.
Die aktuellen Angriffe auf die autonome Verwaltung Rojava machen uns betroffen und besorgt. Die Angriffe stehen nicht für sich, sie sind ein weiterer Ausdruck des global immer aggressiver werdenden Faschismus. Gemeint sind wir alle.
Die Verteidigung von Rojava ist nicht allein Angelegenheit der kurdischen Bevölkerung. Rojava ist das lebendige Beispiel, dass es wertvoll und möglich ist, für eine andere Gesellschaft zu kämpfen. Die Verteidigung von Rojava ist Aufgabe aller, die für eine Gesellschaft frei von Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen – egal ob antifaschistisch, anarchistisch, feministisch, antikolonial, sozialistisch, kommunistisch. Die Solidarität mit Rojava ist eine strömungsübergreifende Aufgabe.
Diese Solidarität kann verschiedene Formen annehmen. Aus unterschiedlichen europäischen Ländern haben sich letzte Woche über hundert Genoss*innen mit der Peoples Caravane in Bussen und Autos auf den Weg gemacht, um die Blockaden zu brechen. Die türkische Regierung scheint aber Angst zu haben vor der internationalen Solidarität, denn an der griechisch-türkischen Grenze wurden die Aktivist*innen festgehalten und von der Einreise abgehalten. Am selben Tag hat der türkische Staat Journalist*innen und Genoss*innen einer internationalen Delegationen festgenommen und abgeschoben. Offenbar soll niemand über die Lage berichten dürfen.
Aber wir lassen uns nicht stummschalten, zensieren oder spalten! In der Bundesrepublik und überall auf der Welt protestieren seit Wochen solidarische Bündnisse, um auf die Angriffe auf Rojava aufmerksam zu machen. In Sozialen Medien werden Berichte der kurdischen Genoss*innen vor Ort geteilt. Spendenkampagnen laufen.
Alle linken Kräfte sind dazu aufgerufen, sich den Protesten anzuschließen. Wir haben Rojava schon einmal gemeinsam verteidigt und wir werden es wieder tun!
Als Rote Hilfe Berlin sind wir an der Seite der Genoss*innen vor Ort, auf der Straße, und derer, die im Hintergrund alles zusammenhalten – und dafür Repression erfahren.
Es lebe der Widerstand in Rojava! Bijî berxwedana Rojava!